Endstation Online?! Soziale Netzwerke und der alltägliche Menschenhandel

Interview mit Carina Angelina, Leiterin von Freethem Deutschland
Carina, Sie engagieren sich bei Freethem Deutschland. Was ist Freethem Deutschland und was macht ihr?

Carina: Freethem Deutschland ist Teil der internationalen Freethem-Jugendbewegung.  Unser Anliegen ist es, durch Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit ein Bewusstsein für  die Problematik des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung unter jungen Leuten zu schaffen. In dem Zusammenhang wollen wir auch ein Fragezeichen hinter die Worte „Prostitution und Freiwilligkeit bzw. Zwang“ setzen und die Leute zum kritischen Nachdenken anregen.

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Freethem ist ja stark im Netz präsent und weist aber auch immer wieder mal darauf hin, dass die sozialen Medien aktiv für Ausbeutung und Menschenhandel genutzt werden. Ist die Situation denn wirklich so gefährlich? Vieles, vor dem im Netz gewarnt wird, ist doch bei näherem Hinsehen oft doch nicht so problematisch?!

Carina: Das stimmt leider nicht. Gerade Online-Portale sind oft das Einflusstor für die sog. Loverboy- Masche, mit der Mädchen dann in die Prostitution gezwungen werden.
Und gerade weil auch mehr junge Mädchen in Deutschland Opfer der sogenannten „Loverboy-Masche“ werden, wollen wir Präventionsarbeit leisten und über die Masche des Loverboys aufzuklären, um so junge Mädchen davor zu schützen.

Loverboys - Das sind doch das, was sich ältere Frauen zulegen... so wie Madonna, die sich einen 30 Jahre jüngeren Liebhaber hält.

Carina: Nein, so stimmt das nicht ganz. Loverboys sind zwar meist junge Männer im Gruppenfoto Freethem-Event in MünchenAlter von Anfang zwanzig, die junge Mädchen ansprechen, sie für sich einnehmen, umschmeicheln und ihnen ein sicheres Gefühl geben – letztlich geht es aber dann darum, sie in die Prostitution zu zwingen.

Wie kann man sich das denn vorstellen? Und wieso wird es denn Loverboy-Masche genannt?

Carina: Ein Loverboy nähert er sich erst einem jungen Mädchen an, macht ihr schöne Augen und legt ihr die Welt zu Füßen. Nach und nach nimmt er die Rolle des „festen Freundes“ im Leben des Mädchens ein.

Bis hierhin hört es sich ja noch nach einer schönen Liebesbeziehung an.

Carina: Ja, problematisch wird es erst, wenn der Loverboy versucht, das Mädchen  stark von ihm emotional abhängig zu machen. Er möchte, dass sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen kann. Er beschenkt sie großzügig, redet über große gemeinsame Zukunftspläne und versucht alles, damit sie ihm vollkommen vertraut. Außerdem ist er darum bemüht, ihren Kontakt zur Familie und Freunden immer mehr zu unterbinden.

Wenn ihm das alles gelungen ist, gesteht er dem Mädchen, dass er große Geldsorgen habe. Er erzählt ihr z.B., dass ein paar gute Freunde sie attraktiv finden würden und diese bereit wären, viel Geld zu zahlen, um mit ihr schlafen zu dürfen. Er erinnert sie von den gemeinsamen Zukunftsplänen, die er mir ihr hat, wenn sie ihm nur helfen könnte. Die Mädchen fühlen sich meist hilflos, sind aber froh, wenn sie „ihrem Freund“ aus den Schulden helfen können.

Nicht selten filmen die Loverboys die Mädchen beim Sex mit einem seiner vermeintlichen „Freunde“. Das Video wird dann oft als Druckmittel verwendet, falls das Mädchen irgendwann beschließen sollte sich zu wehren.

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Er droht ihr also, diese über soziale Netzwerke zu verbreiten, nehme ich an.

Carina: Genau. Die sozialen Medien spielen aber noch eine andere Rolle. Die Loverboys lernen die Mädchen eben nicht nur in Fitnessstudios, in Discotheken oder anderen öffentlichen Orten, sondern auch in virtuellen Räumen kennen. Dazu nutzen sie die gängigen Plattformen auf denen Jugendliche sich viel bewegen – also vor allem Facebook, Instagram und Twitter. Dort machen die Männer den jungen Mädchen Komplimente. Sie geben ihnen das Gefühl ihre Sorgen und Probleme zu verstehen. Besonders im Internet geben die Mädchen oft unbedacht viele Informationen über ihr Leben und ihre Interessen raus. Wenn der Loverboy bestimmte Wünsche und Sehnsüchte des Mädchens kennt, kann er darauf eingehen und sie so dazu überreden, möglichst schnell eine Beziehung mit ihm einzugehen.

Dass diese Mädchen, das dann nicht freiwillig machen ist mir klar. Aber mal im Ernst: Das ist doch nur ein kleiner Prozentsatz und der Rest macht das doch eigentlich meist freiwillig.

Carina: Sprüche, wie „Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere“ oder „Die machen das doch alle freiwillig“ sind gang und gäbe. Aber gerade das wollen wir in Frage stellen und zur kritischen Diskussion anregen. Viele Fachleute sind sich einig, dass der Großteil der Personen in der Prostitution dieser Tätigkeit nicht freiwillig nachgehen, sondern verschiedenen Zwängen ausgesetzt sind.

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Von welchen Zwängen reden wir hier denn?

Carina: Manche benötigen z.B. das Geld, um die Familie in der Heimat zu versorgen. Aufgrund dieser Notlage sind sie oft auch bereit gesundheitlichen Risiken in Kauf zu nehmen z.B. Sex ohne Kondom anzubieten, um etwas mehr Geld zu verdienen. Der Kriminalhauptkommissar Helmut Sporer, der seit vielen Jahren in dem Milieu in Augsburg tätig ist, beschreibt die typische durchschnittliche Prostituierte, die sie im Bordell antreffen, als ein 18 – 22 jähriges Mädchen aus Rumänien, das nicht oder nur gebrochen deutsch spricht.

Deshalb ist es uns wichtig, dass junge Menschen kritisch darüber nachdenken und hoffen, dass das auch Auswirkungen auf ihr Handeln hat.

Sie wollen also jungen Menschen – Jungs und Mädels – über das Thema informieren, sie zum Nachdenken bringen und schützen. Sitzen die denn dann bei einem Vortrag und lassen sich berieseln? Oder können sie auch selbst was starten?

Carina: Eigeninitiative ist unser Herzensanliegen! Wir wollen junge Menschen nicht nur mit Informationen überhäufen und zum Nachdenken anregen, sondern sie auch motivieren selbst aktiv zu werden und sich für die Gerechtigkeit und die Freiheit eines jeden Menschen einzusetzen. Freethem bietet eine Plattform für junge Menschen.  Jeder und jede soll sich mit seinen Fähigkeiten und Ideen einbringen können, um auf die Thematik aufmerksam zu machen. Wer mitmachen will, kann Teil eines Freethem Teams werden und eigene Aktionen starten.

Jeder und jede mit seinen Fähigkeiten – das klingt so sozialromantisch. Haben Sie denn eine bestimmte politische oder ideologische Richtung im Sinn, wo Sie Leute ansprechen wollt?

Carina: Nein, Freethem ist sowohl religiös wie auch politisch unabhängig und neutral. Als Jugendbewegung wollen wir Jugendliche und junge Erwachsene aus allen Milieus und Subkulturen erreichen.

Und welche Rolle spielen für Sie die sozialen Medien dabei?

Carina: Wir wollen, dass sich möglichst viele junge Menschen mit dem Anliegen von Freethem identifizieren können und sich auch dafür einsetzen, die Thematik weiter zu verbreiten.final bag

Über Facebook und Instagram kann man sich informieren, was bei Freethem gerade los ist. Wenn man dann sieht, dass andere junge Menschen aktiv sind und kreativ auf Menschenhandel aufmerksam machen, wird man inspiriert, selbst mitzumachen. Außerdem posten wir über die Soziale Medien auch unsere selbsthergestellten Merchandise-Artikel. Diese wiederrum sollen auch eine Möglichkeit für junge Menschen sein ganz „einfach“ im Alltag ein Statement zu setzen und auf die Thematik aufmerksam zu machen.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, was aktuell so in den sozialen Netzwerken läuft?

Carina: Seit Mitte September haben wir eine große Kampagne für ein Online Voting laufen. Da wir letztes Jahr im November den „Jugendpreis für engagierte Querdenker“ erhalten haben, wurden wir nun für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Wir sind im Online-Voting geladent und können – sofern wir gewinnen – 10.000 Euro Preisgeld erhalten. MomentanFreethem-Event in München befinden wir uns unter den Top 20 von 400 Nominierten. Um am Ende des Votings am 31. Oktober den 1. Platz zu erreichen und das Preisgeld zu erhalten, benötigen wir allerdings noch einige Stimmen. Darum nutzen wir Facebook, Instagram und Twitter, um auf die Abstimmung aufmerksam zu machen und posten regelmäßig Aufrufe mit verschiedenen Fotos. Das ist natürlich auch eine niederschwellige Möglichkeit für junge Menschen aktiv zu werden, indem sie die Posts teilen, ihren Freunden davon erzählen und dadurch auch auf die Thematik aufmerksam machen.

Großartig! Wäre das auch etwas, wo jeder Sie unterstützen kann? Auch die, die keine Zeit haben oder zu weit weg wohnen, um tatkräftig mitanzupacken?

Carina: Sicher! Wenn man uns unterstützen möchte, kann man für uns abstimmen! Wer mehr Infos zu unserer Arbeit und unserer Anliegen sucht, findet viele Informationen auf den Links unten.Online-Voting (4)

(Das Interview führte Stefan Piasecki)

Weitere Infos zu Freethem gibt es auf ihrer Facebook-Seite , auf Instagram (@freethemDE) und unter http://www.gemeinsam-gegen-menschenhandel.de/index.php/ueber-uns/unsere-mitglieder/59-freethem

Und hier geht’s direkt zur Abstimmung

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