Selbsttötung & Medien, der Werther-Effekt

 

Die Gründe für Selbsttötungen sind vielfältig. Die mediale Berichterstattung kann nur als zweitrangiger Auslöser eingestuft werden.

Dennoch: Journalisten, Blogger, Redaktionen und Plattformen haben eine besondere Verantwortung bei der Berichterstattung über Selbsttötungen, denn es gibt einen empirischen Zusammenhang zwischen Berichterstattung und Nachahmungstaten von Menschen, die eine mehr oder weniger konkrete Absicht oder Tendenz haben, ihr Leben zu beenden.

Der Pressekodex verpflichtet die Journalisten, keine Details über einen Fall der Selbsttötung zu veröffentlichen. Die Vagheit dieser Richtlinien verdeutlicht die Schwierigkeiten, mit denen die Journalisten konfrontiert sind, wenn sie im Falle eines Suizids berichten müssen. Seit über 25 Jahren ist der sog. „Werther-Effekt“ – die Zunahme von Suiziden nach entsprechenden Medienberichten – bekannt. Um diese Folgen zu verhindern, fordern insbesondere Wissenschaftler, die sich mit der Suizidprävention beschäftigen, eine sachliche und unspektakuläre Berichterstattung. Eine Selbsttötung gehört nicht auf die Titelseite und Details zum Ort, Fotos oder gar Abschiedsbriefe sollten nicht veröffentlicht werden. Es geht nicht nur um den Schutz der Angehörigen, auch eine Heroisierung der Person sowie etwaiges Identifikationspotential müssen ausgeschlossen werden.

Können Medienakteure, vor allem Journalisten, alleine mit einer Begrenzung der Berichterstattung oder einem Verzicht darauf ihrer moralischen Verantwortung gerecht werden? Es gibt mehr journalistische Möglichkeiten, in diesem Fall gut und richtig zu berichten. Die Verantwortlichkeit der Journalisten kann gar dazu beitragen, Suizide zu verhindern – man spricht dann vom sog. „Papageno-Effekt“. Zum einen geht es um eine Ent-Tabuisierung von psychischen Krankheiten und Lebenskrisen, zum anderen um die Möglichkeit, konkrete Hilfsangebote in die Berichterstattung einzubauen. Nur eine aufgeklärte Gesellschaft ist in der Lage, frühzeitig suizidale Absichten zu erkennen und sich an entsprechende Stellen zu wenden. Bewährt haben sich hier insbesondere Hilfsangebote wie Hotlines oder entsprechende Adressen, die Teil der Berichterstattung wurden.

Auch wenn Suizide einen hohen Nachrichtenwert haben und es daher für Medien attraktiv ist, darüber zu berichten, vor allem wenn es sich um prominente Personen oder um spektakuläre Fälle wie im Fall des Piloten der Germanwings-Maschine handelt, müssen sie sich den Folgen ihrer Berichterstattung bewusst sein und dies in ihre Entscheidung über das ob und wie ihres Berichtes einbeziehen. Der „Papageno-Effekt“ weist deutlich auf das konstruktive Potential eines guten Journalismus hin. Berichte über die Bewältigung von (Lebens-)Krisen, schweren Krankheiten etc., können einen wertvollen medialen Beitrag leisten.SJ-Bild_5093_Medienethik Lehrstuhl-1316-lpr

Prof. Dr. Alexander Filipović (mit Carina Losert)

 

Alexander Filipović, Jg. 1975, ist Inhaber des Lehrstuhls für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München. Nach einem Studium der Kath. Theologie, Kommunikationswissenschaft und Germanistik promovierte er 2006 mit einer medienethischen Dissertation. Der Ethiker, Theologe und Kommunikationswissenschaftler beschäftigt sich unter anderem mit der Ethik des Journalismus, der Fernsehunterhaltung und der Digitalisierung. Wesentlicher Schwerpunkt seiner Vorträge und Publikationen sind die Veränderungen und Herausforderungen des digitalen Wandels unserer Kommunikation. Er betreibt einen Blog (www.unbeliebigkeitsraum.de), ist Mitherausgeber der medienethischen Zeitschrift Communicatio Socialis (www.communicatio-socialis.de) und ist Vorsitzender des Ethikausschusses der DGPuK. Neben der Beschäftigung mit medienethischen Themen forscht er zum philosophischen Pragmatismus.

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