Interview mit dem Romanheftforscher Heinz J. Galle

Heinz J. Galle (Bild: Privat)

Heinz J. Galle wurde 1936 in Berlin geboren und beschäftigt sich seit 1955 mit dem Genre der Unterhaltungsliteratur und in diesem Rahmen u. a. mit Science-Fiction und ihrer besonderen Erscheinungsform, dem Heftroman. Neben zahlreichen Beiträgen für Fachzeitschriften, Kurzgeschichtensammlungen, Ausstellungskatalogen und Mitwirkungen in Rundfunk– und Fernsehsendungen, an Ausstellungen und Fachtagungen hat er mehrere Bücher zu diesem Themenkreis verfasst, die sich inzwischen Geltung als Standardwerke verschafft haben. Außerdem ist Heinz J. Galle seit 1987 als Lexikograph für mehrere Fachlexika mit inzwischen mehr als 2300 Seiten Umfang in Erscheinung getreten.

Herr Galle, Sie untersuchen seit Jahren Romanhefte und haben einzigartige und voluminöse Betrachtungen vorgelegt. Kann man Sie den König der Heftromanforscher nennen? Seit wann beschäftigen Sie sich mit diesem Medium?

Nein – ich bin einer von vielen, die sich über die Jahre, seit 1958, mit dem Thema beschäftigt haben, neige aber deswegen nicht zur Hybris.

Romanhefte sind überraschend unscheinbar, sie fallen kaum auf in ihren Drehständern, die sich oft in Bahnhofsbuchhandlungen finden. Dennoch sind sie vielschichtig: Die Verlage machen gute Umsätze, die Jugendschützer fürchten sie, das Feuilleton verachtet sie, die Fans lieben sie. Können Sie das erklären?

Das Phänomen Heftroman kann man in der digitalen Welt als obsolet bezeichnen. Es spielt in der Öffentlichkeit nur noch ein Schattendasein gegenüber der Glanzzeiten in den 50er und 60er Jahren. Heftromane sind fast nur noch an den Drehständern der Supermärkte und Kaufhäuser anzutreffen. Ob die Verlage damit gute Umsätze machen? Nun, wäre das nicht der Fall, wären Serien wie PERRY RHODAN oder JOHN SINCLAIR nicht mehr auf dem Markt. Ungeachtet der Medienschelte blieben die Fans der Romanhefte ihrem Hobby treu – warum? Es gibt viele Gründe dafür, angefangen beim Schwelgen in pubertierenden Wunschträumen, wächst ein Teil der Leser mit diesen Serien auf, hat den Helden über Jahre verfolgt, ist quasi einen Bund mit ihm eingegangen. Ein Freundeskreis hat sich gebildet, die Verlage unterstützen diese Serienbindung mit dementsprechenden Werbemaßnahmen (früher bedeutend stärker als heute). In dem Engagement der Leser für dieses Genre spiegeln sich gewisse Ängste, Befürchtungen, aber auch Präferenzen für bestimmte Themen wider. Im Prinzip appellieren die Geschichten in den bunten Heften an die Phantasie der Konsumenten, bieten exotische Abenteuer, die außerhalb der Normalität ablaufen. Diese Kriminal- oder Science-Fiction-Romane lassen vor dem geistigen Auge der Leser eine Traumwelt voller Gefahren erstehen, die der Held in Vertretung des jugendlichen Lesers siegreich besteht. Psychologen würden für diesen Fall gewiss überzeugende Gründe ins Feld führen, PERRY RHODAN wurde z. B. in den früheren Jahren als „nazistisch- militaristisch“ eingestuft.

Wie groß ist eigentlich heute das Angebot? Und wie stark ist der Markt für Heftromane? Gibt es Umsatzzahlen von den Verlagen? Wie nehmen die sich im Vergleich zur Vergangenheit aus?

Die Marktführer sind immer noch der Bastei Verlag sowie der Zusammenschluss von Pabel und Moewig, dazu als Spezialist für Frauenserien, der Cora Verlag. Hinzu kommen diverse Kleinverleger, sie füllen Nischen aus, setzen bekannte Reihen fort, starten Serien in Kleinauflagen, wie zum Beispiel der DvR – Verlag in Lüneburg. Generell ist festzustellen, dass sich das Zahlenverhältnis zwischen Serien, die für männliche Leser, und jenen, die für weibliche Leser produziert werden, grundlegend verändert hat. Heute dominieren an den Drehständern Frauenserien, typisch männliche Reihen sind nur in homöopathischer Dosierung anzutreffen. Das Gros der männlichen Käufer ist zu den moderneren Medienprodukten abgewandert. Die meisten Heftreihen hat wahrscheinlich immer noch der Bastei Verlag aufzuweisen, hier laufen Longseller wie JERRY COTTON, JOHN SINCLAIR, LASSITTER oder die LORE-ROMANE. Den ca. sechzehn Serien, die für das männliche Leserpublikum bestimmt sind, stehen aber gut zwanzig Heftreihen gegenüber, die sich an eine weibliche Käuferschicht wenden. Etwas aus dem Blickfeld gerät dabei der Kelter-Verlag, der immerhin schon seit den dreißiger Jahren Heftserien herausgibt. Dieser Verlag hat aktuell über vierzig Serien im Verlagsprogramm, auch hier ist die Dominanz jener Reihen, die sich an das weibliche Publikum richten, unübersehbar. Gegenüber den maskulin-ausgerichteten Heftreihen werden hier über dreißig Heftserien präsentiert, die speziell für die weibliche Käuferschar produziert werden. Dagegen sind die einstigen Marktführer, Pabel- und Moewig-Verlag , die sich 1972 zusammengeschlossen haben, auf dem Heftromansektor nur noch mit wenigen einschlägigen Publikation am Kiosk erhältlich. Der Publikumsliebling PERRY RHODAN ist und und bleibt das Trumpf-Ass dieses Verlagsimperiums. Eine ganz besondere Rolle spielt auf dem Sektor der Frauenromane noch der Cora- Verlag, dessen Erzeugnisse eine Mischung aus Heft – und Taschenbuch darstellen und deren Verlagsprogramm sich ausschließlich an die Damenwelt richtet, anscheinend mit großem Erfolg. Gegenüber der Auflagezahlen jener frühen Jahre sind die Auflagen heutiger Serien generell zurückgegangen, heutige exakte Zahlen liegen mir nicht vor.

Romanhefte – oder Groschenhefte, wie sie despektierlich genannt werden –  haben immer wieder auch Rufe nach Verboten oder wenigstens Einschränkungen des Angebots aufgeworfen. Die große „Schunddebatte“ Anfang der 1950er Jahre fand sogar Eingang in die Gesetzgebung. In der Folge wurden viele Serien eingestellt. Ist das Medium heute anerkannter?

Die Jugendschützer spielten früher ein wichtige Rolle im Kampf gegen diese Publikationsform, heute sind sie nicht mehr präsent und ihr Erzfeind ist als Gegner nicht mehr satisfaktionsfähig. Die grundsätzliche Verachtung der Medienlandschaft ist aber erhalten geblieben, immer noch taucht stereotyp als Kritik bei bestimmten TV-Serien die Klassifizierung “Groschenheftniveau“ auf.

Serien wie „John Sinclair“, „GF Unger“ oder die „Landser“-Romane, die es ja nun auch schon seit über 100 Jahren gibt, wird bisweilen vorgeworfen, gesellschaftlich destabilisierende Wirkung zu haben: Die eine Serie propagiere schwarze Magie, die zweite Gewalt, die dritte sogar Kriegsverherrlichung. Wird da nicht in das Medium etwas projiziert, was dort eigentlich gar nicht enthalten ist?

Kriegsverherrlichung, ein Begriff auf den ich kurz eingehen möchte. Dazu folgendes Beispiel: Bis zum Jahre 2013 hatte der Pabel/Moewig-Verlag einen Dinosaurier im Portefeuille – die Landser-Serie. Seit 1957 erschien diese Periodika, im August 2013 opponierte das Simon-Wiesenthal-Zentrum gegen die Veröffentlichung mit dem Vorwurf der Verbreitung von Rassismus, Militarismus und Antisemitismus, der Verlag reagierte umgehend. Nach 56 Jahren stellte das Unternehmen die Herausgabe der Landser-Serie ein. In den frühen Jahren hatte die Auflage für diese Kriegsreihe bei einer halben Millionen Exemplaren gelegen, um die Jahrhundertwende war die Auflage dann auf 60.000 Exemplare geschrumpft. Es scheint aber immer noch Bedarf für eine derartige Heftreihe zu geben, denn bereits im Jahr der Einstellung wurde die Reihe unter dem neuen Serientitel WELTKRIEG in einem Schweizer Verlag fortgeführt.

Sehen Sie sich eigentlich als distanzierter Beobachter oder pflegen Sie Austausch mit Fans oder sogar Autoren?

Ob ich mich als distanzierter Beobachter sehe? Dieser Bezeichnung würde ich zustimmen. Kontakte zu einschlägigen Autoren existierten früher, heute nicht mehr. Ich muss auch konstatieren, dass mein Wissen in Bezug auf die aktuellen Situation der Heftromane nicht mehr so umfassend ist, wie es früher der Fall gewesen war. Aber es gibt es genügend junge Fans, die up-to-date sind und ihre Kenntnisse in lobenswerter Weise im Internet zur Verfügung stellen.

Wie hat sich das Romanheftangebot Ihrer Meinung nach inhaltlich verändert? Sind die Geschichten heute andere als vor 20 oder 40 Jahren?

Wie hat sich das Angebot verändert? Im Vergleich zu den 20er und 40er Jahre kam in den fünfziger Jahren das Thema Horror und Mystik auf und verdrängte etwas die bis dahin herrschende Dominanz der Kriminal – und Abenteuerromane. Neben dem Horror-Thema kam in jener Zeit auch das Thema Science-Fiction quasi „raketengleich“ in die Regale und entwickelte sich zum Marktführer, jeder Verlag musste nun eine utopisch-phantastisch orientierte Heftreihe im Programm haben. Und ob die Geschichten anders als vor 20 oder 40 Jahren sind? Ja, sie haben sich einschneidend verändert, sind realistischer und freizügiger geworden, angedeutete Vergewaltigungen wie sie nun in einigen Wild-West-Serien zu lesen sind , das hat es früher nicht gegeben, war undenkbar.  Positiv ist zu vermerken, dass das Niveau in Bezug auf die schriftstellerischen Fähigkeiten der Autoren sich verbessert hat, die Stories in bestimmten Themenbereichen sind glatter, glaubhafter, wirken auch besser fundiert.

Welche Stellung haben Romane in der Literaturwissenschaft? Werden sie gleichberechtigt erörtert oder fristen sie ein Nischendasein? Wären sie hinsichtlich der geschilderten Inhalte, Rollenmuster und anderer Stereotype nicht sogar auch für die Sozialwissenschaften interessant?

Romanhefte vor 100 Jahren. Die Abbildungen (auch unten) entstammen den Büchern von Heinz J. Galle

In der Literaturwissenschaft spielen Romanhefte meines Wissens nach keine Rolle, sie sind dort noch nicht einmal erwähnenswert. Ich lasse mich aber gern belehren, wie überhaupt all diese meine Äußerungen rein subjektiver Natur sind. Dass diese Form der Unterhaltungsliteratur auch für Sozial- wie auch Literaturwissenschaftler interessant sein kann, steht ohne Zweifel fest. Derartige Serien in den Händen engagierter Sammler erzählen von einstigen Zeitströmungen, den herrschenden Tendenzen in der Literatur sowie von den Auswirkungen der Zensur. Aber auch aus rein finanzieller Blickrichtung lassen sich Auswirkungen der damaligen und heutigen Wirtschaftslage ablesen. Man sieht am wachsenden Verkaufspreis von 10 Pfennige in der Zeit um 1900 auf den jetzigen Verkaufspreise von 2,10 Euro, wie die Produktionskosten gestiegen sind. Die Inflation der zwanziger Jahre spiegelt sich bei den Heftpreisen in schwindelner Höhe wider. Politische Ereignisse, wie der Burenkrieg, die Niederschlagung des Boxeraufstandes und natürlich der Erste und Zweite Weltkrieg finden sich im Gewand des Heftromans wieder. Nationaler Größenwahn bemächtigt sich der Unterhaltungsliteratur und verwandelt Groschenhefte in wehrertüchtigende Kleinschriften. Anhand der Freizügigkeit der Texte lässt sich, wie beim Zeigerausschlag eines Barometers, die Wirkung der Zensur ablesen. Dazu reicht es, ein Manuskript eines Billy Jenkins-Heftes aus dem Jahre 1938 mit einem Lassiter-Text von heute zu vergleichen. Die Wirtschaftslage der Nation ist auch aus reinen Äußerlichkeiten der Hefte ersichtlich, groß und farbenprächtig vor dem I. Weltkrieg, klein und farblos während der Inflation, amateurhaft in den Nachkriegsjahren ab 1946. Heute streng nach Marketingsgesichtspunkten ausgerichtet und gestylt. Die einstige Spaltung Deutschlands zeigt sich an den unterschiedlichen Ansprüchen, die die Verlage zu befriedigen hatten. In der Bundesrepublik lediglich der Unterhaltung dienend, wurde im anderen Teil Deutschlands versucht Erziehung, Schulung und Agitation gleichzeitig damit zu verbinden. Der Einfluss amerikanischer Unterhaltungskultur nach 1945 zeigt sich durch das explosionsartige Anwachsen der Western- und Science Fiction-Heftreihen in den fünfziger Jahren. Aber wie sich in dieser Beziehung die aktuelle Lage darstellt, ob sich Zeiteinflüsse auf Longseller wie Perry Rhodan, Jerry Cotton oder John Sinclair ausgewirkt haben, dies wäre eine Aufgabe für nachfolgende Sammlergenerationen.

Wer ist Ihrer Erfahrung nach der typische Romanheftleser? Wie alt ist er? Ist es überhaupt ein ER? Deutsch? Migrantisch?

Ob es DEN typischen Heftromanleser gibt? Einschlägige Verlage haben früher oft Statistiken veröffentlicht, woraus hervorging, dass die Käufer aus allen Bevölkerungsschichten stammen. So ganz traue ich derartigen Statistiken nicht. Beim Thema Alter wird und wurde in den Statistiken stets eine Bandbreite von 14 – 70 Jahren ausgewiesen. Ob auch Migranten zu den Käufern derartiger Periodika zählen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Lieber Herr Galle, vielen herzlichen Dank für die vielfältigen und spannenden Informationen. Dank geht auch an den von Reeken-Verlag für die Herstellung des Kontaktes.

 

LINK: Ein weiteres äußerst spannendes Interview mit Herrn Galle führte vor einigen Jahren Ingo Löchel vom Zauberkreis. Es ist nach wie vor lesenswert.

LINK: Das Werk von Heinz J. Galle im Dieter von Reeken-Verlag, einem Spezialverlag für Science-Fiction und Phantastik.

Das Interview führte Stefan Piasecki

Weiter zu:

LINK: Stefan Piasecki zur Geschichte des Heftromans

LINK: Interview mit den Romanheftlektoren Michael Schönenbröcher und Britta Künkel (Bastei Verlag)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.