Benutzen – Betrügen– Töten: Gewalt gegen Prostituierte in der GTA-Serie

Von Regine Pfeiffer, Berlin (bis März 2015 Freie Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen)

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Zusammenfassung

Eine Intention der GTA-Serie ist das satirische Vorführen des American-Way-of-Life. Dies ist tatsächlich in weiten Teilen gelungen und macht nicht einmal vor der American-Rifle-Association Halt. Bezieht man jedoch die Spielmechanik in die Analyse mit ein stellt sich der Spott über die Waffenobsession der Amerikaner als heuchlerische Fassade dar, denn der Erfolg im Spiel hängt in erster Linie von der Zahl der mit Schusswaffen getöteten Menschen ab.
Es gibt auch Inhaltsbereiche, die völlig frei sind von satirischen Elementen. Dazu gehört generell die abwertende Darstellung von Frauen und in diesem Kontext insbesondere der Umgang mit Prostituierten. Dieser ist brutal, hinterhältig und zynisch.

Seit 19 Jahren „Der Große Autoklau“

GTA/ Grand-Theft-Auto ist eine der weltweit erfolgreichsten Computerspielserien, wenn nicht die erfolgreichste. Von 1997 bis heute erschienen 11 Spiele. Das letzte, GTA V, brach im Oktober 2013 alle Verkaufsrekorde der Unterhaltungsindustrie: Es bescherte dem schottischen Entwickler Rockstar Games in den ersten 24 Stunden 800 Millionen US Dollar und überschritt in drei Tagen die Milliarden Grenzen. Die Entwicklerkosten gibt Rockstar mit $260 Millionen an. Die Zahl der Spieler beläuft sich insgesamt auf 150 Millionen, die für GTA V auf 32 Millionen. Was die Zahl der verkauften Exemplare betrifft, zieht GTA V damit gleich mit den Romanen Vom Winde verweht und mit Anne Frank.[1]

reg7Gegen Ende meiner Dienstzeit in der Schule sah ich zum ersten Mal ein Spiel dieser Serie. Ich hatte einen Schüler gebeten, es mir vorzuführen und war sprachlos: Die Größe und die Lebendigkeit der virtuellen Welt waren mit nichts zu vergleichen, was ich bis dahin innerhalb von Lernsoftware gesehen hatte. Sprachlos war ich aber auch über die Gewaltakte, die ich zu sehen bekam.
Ich kaufte also das Spiel, und zusammen mit einem erfahrenen Spieler, den ich bezahlte, erforschte ich es genauer. Wir schnitten Spielsequenzen mit, die ich dann bearbeiten und genauer analysieren konnte, ein Verfahren, das ich danach bei weiteren Spiel-Erkundungen beibehielt.

Im Folgenden werde ich Gewalt gegen Prostituierte im Gewalt-Kontext der Serie, insbesondere in dem von GTA V darstellen.

Eine unvergleichliche Spiel-Welt

Ort der Spielhandlung ist in allen GTA-Spielen eine amerikanische Großstadt. GTA IV spielt in Liberty-City, einem Abbild von New York, GTA V in Los Santos, das Los Angeles nachempfunden ist. Der Spieler dirigiert eine Figur aus dem kriminellen Milieu und begeht in dieser Rolle diverse kriminelle Handlungen: Er stiehlt Autos, wann immer er eines braucht, indem er unter Beschimpfungen[2] die Fahrer hinauswirft und davon fährt. Bankeinbrüche, Drogenhandel, Gewalt und Mord sind für ihn Alltagsgeschäft.

reg8In GTA V lenkt der Spieler nicht nur eine Figur, sondern kann zwischen drei Akteuren wechseln, deren Identität er jeweils übernimmt und in deren unterschiedlichen sozialen Milieus er agiert. Das völlig Neue an der Drei-Personen Variante ist, dass der Spieler von einem Charakter zu einem anderen wechseln kann. Er kann zum Beispiel als Person A einen Einbruch begehen, und sich dann als Person B Feuerschutz geben, wenn es für ihn brenzlig wird.
Die beiden Charaktere, die der Spieler gerade nicht benutzt, führen in dieser Zeit ein Eigenleben, so dass er dann immer wieder mitten ihren Alltag oder ihre kriminellen Aktivitäten hineinplatzt.

Die gesamte Serie zeichnet sich aus durch eine unglaublich weite und Spielwelt, die mit jeder neuen Version realistischer wurde: In GTA V wechseln Tag und Nacht, ebenso das Wetter. Die Figuren werfen Schatten entsprechend dem Stand der Sonne. Ihre Kleidung zeigt, nachdem sie im Wasser waren, Nässe-Spuren und trocknet in angemessener Zeit.
Passanten auf der Straße unterhalten sich. Sie greifen den Spieler an, wenn sie sehen, dass er ihr Auto stehlen will.

Und vor allem: die Non-Player-Characters, NPCs, die nicht vom Spieler gelenkten werden, interagieren, und kommunizieren mit den Spieler-Figuren fast wie Menschen in Filmen.

Bei IGN Asia findet sich eine Liste mit 100 Beispielen für den Realismus der Spiels.[3] Hier wird z.B. von einem Verkäufer berichtet, bei dem sich eine Figur vor einer bestimmten Aktion neu einkleidet. Wenn diese Figur später wieder in den Laden kommt, erkundigt sich der Verkäufer, wie die Aktion gelaufen ist. Oder: bei spektakulären Aktionen auf der Straße, nehmen die NPCs ihre Handys raus und filmen, was passiert.

Satirische Intention – Vorführen des American Way-of-Life

Eine Intention der Serie ist die satirische Darstellung des American Way-of-Life.

Schon in früheren Versionen bin ich auf Beispiele dafür gestoßen:

  • In GTA IV wird die groteske Bodybuilding-Kultur des Landes anhand eines angeberischen Steroid -Junkies dargestellt, der mit seinen Muskeln protzt und wie man in einem entsprechenden Wiki-Eintrag erfährt, auf seinem Bauch das Wort Mommy tätowiert hat und vor allem Bullenhai-Testosteron zu sich nimmt.
  • Im gleichen Spiel geht der Held in einen Laden, um sich für die Erledigung eines Mordauftrags angemessen zu Der unglaublich dümmliche Verkäufer (wahrscheinlich der Gleiche, den der IGN Bericht erwähnt), hängt ihm auf der Pelle und rät ihm zu bestimmten Schuhen, weil diese zur Farbe seiner Augen passen würden. (Vielleicht war es der, der in GTA V beim nächsten Einkauf nachfragt, wie die Aktion gelaufen ist. Siehe oben. IGN Liste)
  • Ein besonders bissiges Beispiel sind die Beiträge eines Sprechers in einem der vielen Autoradiosender in GTA San Andreas und GTA IV. In „The Wild Traveller“ berichtet ein Mann mit dem vielsagenden Namen James Pedaeston über seine Er preist die Freiheit von Ländern, in denen „ein Mann noch ein Mann sein kann“ und liest aus seinen Reisetagebüchern vor. Beim Blättern erwischt er aber immer wieder Seiten, bei denen deutlich wird, dass er die Reisen in asiatische Länder unternimmt, um ungestraft Kinder zu missbrauchen.

Für GTA V findet sich in einem Internet Blog (media and popular culture) eine kluge Analyse der satirischen Elemente. Der Autor, Alec Grefe, vermutet, die Soziologen der Frankfurter Schule hätten mit Begeisterung GTA V gespielt. Horkheimer und Adorno hätten ihre helle Freude gehabt an der Vorführung dessen, was sie Popkultur nannten: an einem Sozialen Netzwerk mit dem Namen „Life Invader“, an einer Talentsuche Reality Show, (sie heißt “Name and Shame“) den spiel-internen Fastfood-Ketten, den Strip-Clubs mit den skurrilen Namen (z.B. Unicorn), und einer eigenen Version der Fox-Nachrichten, sogar eigenen Celebrities.“[4]

Satire auf amerikanische Waffenkultur – heuchlerische Fassade vor virtuellen Tötungsorgien

Vor drei Jahren hatte ich Gelegenheit, mit Redakteuren von Spielezeitschriften über GTA IV zu diskutieren. Damals vertrat ich die Meinung, Gewalt sei in diesem Spiel nicht Teil der Satire sondern Selbstzweck. Losgelöst von der kritischen Botschaft würde sie Spielern angeboten, denen virtuelle Formen von Mord und Totschlag Spaß machen.
Inzwischen habe ich meine Beobachtungen erweitert und festgestellt, dass auch Waffengewalt Gegenstand von Satire ist.

Gewalt ist ein entscheidendes Merkmal des American-Way-of-Life. Das hartnäckige Festhalten an antiquierten Waffengesetzen, die unerträglich hohe Zahl von Morden, die mit diesen Waffen begangen werden und die abstrusen Argumente der National Rifle Association, die z.B. auf das Sandy-Hook Massaker mit der Forderung nach bewaffneten Schul-Polizisten reagierte,[5] kennzeichnen ihn genauso wie McDonalds. Und auch diese Gewalt-Kultur wird in der GTA Serie satirisch dargestellt.

In den meisten Teilen der Serie kauft der Spieler seine Waffen in Spezial-Läden mit dem sprechenden Namen Ammu-Nation. In diese Läden preist ein virtuelles Werbevideo ein Apokalypse-Set an, das es dem Nutzer ermöglicht, in schweren Zeiten drei Monate zu überleben. Es enthält neben diversen Waffen Nahrungs- und Alkoholvorräte, eine Wasserreinigungsanlage die es ihm erlaubt, den eigenen Urin zu trinken und schließlich Cyanide-Pillen, mit denen er sich vergiften und so “als Mann“ diese Zeit beenden kann.[6]
Zur Waffen-Werbung gehört auch eine Comicfigur, Derek the Dodo, die Kinder im Umgang mit Waffen unterrichtet, wie das bei der National Rifle Association Eddie the Eagle tut. Während einer Aufklärungssitzung erschießt ein Junge einen anderen. Dereks Kommentar: „Ja Henry, du hast eine Schweinerei veranstaltet. Geh als nächstes der Seriennummer nach und sieh zu, dass dich keiner mehr mit der Waffe in Verbindung bringen kann.“[7]

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Derek the Dodo, GTA                            Eddie the Eagle, National Rifle Association

Wirklich überzeugen kann dies jedoch nicht, denn der zentrale Widerspruch zwischen inhaltlicher Botschaft und Spielmechanik, unter denen Shooter-Spiele mit kritischem Anspruch per se leiden, wird auch durch noch so gekonnte Satire nicht aufgehoben. Das heißt: Beißender Spott auf die amerikanische Waffenobsession ändert nichts an der Tatsache, dass sich der Erfolg des Spielers in erster Linie an der Zahl der mit Schießwaffen getöteten Menschen misst.

Und so ist es in gewisser Wiese schizophren, was dem Spieler hier abverlangt wird, nämlich beim Schießen auf Menschen auszublenden, dass ihm Waffennutzer auf der Inhaltsebene als Objekte für Hohn und Spott präsentiert werden. Einen solchen Scheuklappen-Modus muss er bereits im Ammu-Nation Schießstand beim Training anwenden. Wenn er hier die frisch gekauften Waffen ausprobiert und seine Zielgenauigkeit verbessert, wäre es sicher kontraproduktiv, dabei die witzigen Sprüche des Apokalypse-Kit im Kopf zu haben.

reg2Im offiziellen Lösungsbuch zu GTA V kann man diese widersprüchlichen Botschaften zum Thema Waffen nachlesen. Die Aussagen zu Schlagwaffen sind noch mit unübersehbarer Ironie formuliert. Über den Hammer etwa findet man nichts weiter als die lapidare Erklärung: „Eigentlich schlägt man damit Nägel ins Holz“. Bei der Darstellung der Schusswaffen dagegen werden technische Daten aufgelistet (Durchschlagkraft, Reichweite, Feuergeschwindigkeit etc.), und gibt eine knappe Beschreibung. Vom MG etwa heißt es: „Allzweck-Maschinengewehr mit robustem und zuverlässigen Design. Hohe Durchschlagkraft auf große Distanz, effektiv gegen große Gruppen.“ – Keine Spur von Satire. (Abbildung: Folterszene in GTA V, Waterboarding)

Ausmaß der Gewalt widerspricht satirischer Intention

Es gibt einen weiteren Grund, warum die Gewalt im Spiel nicht mit satirischen Aufklärungsabsichten zu entschuldigen ist, nämlich die unglaubliche Dimension, die diese in GTA V erreicht hat.
Eine der ersten Sensationsmeldungen[8] über das Spiel betraf eine Mission, in der der Spieler sich als Folterknecht betätigt. In der Rolle des wüsten Gewalttäters Trevor bringt er einen Menschen dazu, bestimmte Geheimnisse preiszugeben. Er sucht die Folterwerkzeuge aus und agiert mit ihnen, indem er dem Opfer, das an einen Stuhl gefesselt ist, mit einer normalen Zange einen Zahn auszieht, ihm mit einer Rohrzange ein Knie zertrümmert, ihm an den Brustwarzen Elektroschocks zufügt und schließlich indem er ihn der Prozedur des Waterboarding unterzieht, was, wie ein entsprechender Eintrag in Wikipedia zeigt, geradezu professionell abläuft (Tuch vor dem Gesicht und Stuhl nach hinten gekippt, so dass der Kopf tiefer liegt als die Lunge).[9] Die in affirmativen Medien verbreitete Begründung für die Szene, von vielen Spielern nachgebetet: Hier würde kritisch gezeigt, was die amerikanische Regierung Terrorverdächtigen angetan hat.

Diese Erklärung ist pure Heuchelei. Man hätte Aufklärung auch erreichen können, ohne dass der Spieler selber foltert. Zumindest hätte man auf eine lediglich filmische Darstellung zurückgreifen können, wie das z.B. in der japanischen Version des Spiels getan wurde und wie man es in der deutschen Fassung von Call-of-Duty Modern Warfare 2 mit der berüchtigten Amoklauf-Mission getan hatte.[10] [11]

Benutzen – Betrügen – Ermorden: Was Spieler in der GTA Serie mit Prostituierten tun können

Prostituierte gibt es in der Serie seit GTA III. Eine erste Übersicht über das Thema findet sich in einem entsprechenden Wiki Eintrag. Der Text über Prostitution ist nicht nur wegen des Inhalts interessant, sondern auch wegen des Tons von Selbstverständlichkeit, mit der die Schandtaten beschrieben werden, die das Spiel gegenüber den Frauen ermöglicht.

Ich werde im Folgenden das Thema anhand von vier Spielen der Serie beschreiben.

Die beiden ersten Spiele erhielten von der USK – der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle – eine Alterseinstufung „ab 16“, GTA IV, und GTA V eine „ab 18“.

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GTA San Andreas/GTA SA – Eine brutale Puppenstubenwelt

GTA San Andreas war das erste Computerspiel, das ich „von innen“ sah. Ich habe eingangs meine Reaktionen auf die Vorführung geschildert, die ein Schüler mir vor inzwischen fast neun Jahren bot. Gewalt gegen Frauen, insbesondere die gegen Prostituierte konnte ich nur als Ausdruck von moralischem Zynismus wahrnehmen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sex mit Prostituierten ist in diesem frühen Spiel noch eine recht abstrakte Angelegenheit: Die Aktivität ist lediglich an den auf- und ab-Bewegungen des Autos zu erkennen, in das die Prostituierte eingestiegen ist. (Spieler spotteten seinerzeit über den kostenlosen Stoßdämpfertest). Wenn sie bezahlt wird, geht sein Kontostand nach unten, aber er kann die Frau hinterher umbringen, und das Geld erscheint wieder auf seinem Konto.

Die Tötungsmöglichkeiten sind in diesem Spiel vielfältiger als in späteren GTA IV. Der Spieler kann Menschen auf der Straße zum Beispiel die Kehle durchschneiden, was visuell und akustisch ziemlich realistisch abläuft. In der folgenden sieht man die Ermordung einer Prostituierten. Das Anschleichen und den Töten mit dem Messer steuert der Spieler, die begleitenden Dialoge allerdings sind vorgegeben.

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Abbildung: Töten einer Prostituierten

Eine weitere Aktivität in GTA San Andreas, die sich auf Prostituierte bezieht, ist eine Nebenmission, in der der Spieler sich als Zuhälter betätigt und dadurch Geld verdient. Dies bleibt ähnlich abstrakt wie die Benutzung der Frauen, was den Zynismus der Handlung natürlich nicht relativiert. Er fährt die Frauen zu den Freiern und holt sie später wieder ab. Gelegentlich muss er sie vor der Gewalt von Freiern schützen, die er dann erschießt. Bei Abschluss der Aktivität erhält er einen Anteil ihres Lohns. Welchen Anteil ihres Verdienstes das ist, erfährt man natürlich nicht.

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San Andreas löste in Amerika aus verschiedenen Gründen Kritik und Proteste aus. Hilary Clinton sagte in einer Rede vor der Kaiser Family Foundation über das Spiel: „Es hat so viel herabwürdigende Botschaften über Frauen, und es ermutigt in solchem Ausmaß Gewaltphantasien und Gewalthandlungen, dass es den Eltern Angst macht. … Sie spielen ein Spiel, das sie ermutigt, Sex mit Prostituierten zu haben und sie dann zu ermorden. Wissen Sie, dass ist schwer zu verdauen.“[12]

Ein Jahr später protestierte das “Sex Workers Outreach Project“ und rief Spieler und Eltern auf, die GTA-Serie zu boykottieren. „Im Interesse der Sexarbeiterinnen und dem Anliegen ihr Bürgerrecht auf Leben und persönliche Sicherheit zu fördern, protestieren wir gegen alle Medien, die Sexarbeiter als legitimes Ziel von Gewalt, Vergewaltigung und Mord darstellen.“[13]

Nach einer Umfrage des KFN gehörte GTA San Andreas 2005 zu den fünf beliebtesten Computerspielen 10jähriger Jungen. Trotz der Erfolge von GTA V ist es immer noch das Spiel mit der größten Verbreitung.

Wegen der noch einfachen grafischen Gestaltung ist geplant, San Andreas für Smartphones zu adaptieren.[14]

GTA Vice-City-Stories: Mit Bordellen Geld verdienen

In GTA Vice-City Stories kann das kriminelle Alter Ego des Spielers durch das Betreiben von Bordellen Geld verdienen. Dies findet statt im so genannten Empire Building Modus, in dem er sich für bestimmte Geschäftszweige entscheiden kann: Schutzgelderpressung, Kredithai, Drogenhandel, Schmuggel oder: Prostitution! Um das so genannte Prostitutionsfeature gab es beim Erscheinen des Spiels Kontroversen. Es war der Grund warum Vice-City-Stories vom Amerikanischen ESRB, Entertainment Software Rating Board, ein M-Rating erhielt (ab 17), der Pan European Game Information, PEGI, eine Wertung ab 18. Die Deutsche USK dagegen gab eine 16er Wertung mit der Begründung, dass bestimme Gewaltmöglichkeiten und das Prostitutionsfeature nicht enthalten seien. Dies stellte sich jedoch später als unwahr heraus, was in der Öffentlichkeit aber nicht mehr wahrgenommen wurde. In Österreich gibt es mit den „Schnittberichten“ eine durchaus problematische, aber für kritische Recherchen oft nützliche Institution, die u.a. aufzeigt, was in Computerspielen bei der Alterseinstufung von der USK an Änderungen verlangt wurde. „Schnittberichte“ stellte fest:
„Zum Thema „fehlendes Prostitutionsfeature“: Nach erfolgreichem Abschluss der Mission „To Victor, The Spoils…“ ist es dem Spieler möglich, sich sein eigenes kriminelles Imperium aufzubauen. In diesem „Empire building“-Modus kann man die 30 Imperiums-Betriebe, die über die ganze Stadt verteilt sind, durch Angriff des davor stehenden Fahrzeuges des Besitzers und durch die anschließende Beseitigung der Wachen und der Einrichtungsgegenstände übernehmen. Man kann das Gebäude nun kaufen und sich für einen Wirtschaftszweig entscheiden: Erpressung, Kredithai, Prostitution, Drogen, Schmuggel oder Raub und die Größe des Betriebes festlegen: Kleingeschäft, Mittlere Firma oder Großkonzern. Die Einnahmen werden jeden Tag um 16 Uhr ausbezahlt. Es ist auch in der USK 16 Version möglich, Prostitution zu betreiben.“ Diese Information findet sich auch im Wikipedia Eintrag für das Spiel.

Was für eine Botschaft für 16-Jährige: „Bordelle betreiben lohnt sich!“

GTA IV und GTA V

Beide Spiele sind „ab 18“, was wenig über ihre reale Nutzung sagt. Bereits 2005 stellte das KFN mit einer großen Umfrage mit Viert- und Neuntklässlern fest, dass jeder fünfte Junge in der 4. Klasse zum Befragungszeitpunkt ein Spiel ab 16 oder 18 spielte, und jeder vierte Junge in der 9. Klasse ein Spiel ab 18. Dies ist acht Jahre her. Inzwischen haben sich die öffentlichen Vorbehalte gegen Computerspielgewalt drastisch reduziert. Trotzdem ist schockierend, was Rudolf Weiß zwei Monate nach Markteinführung in einer Blitzumfrage unter Achtklässlern feststellte: 62% der Jungen und 32% der Mädchen hatten GTA V bereits gespielt.[15]

Zunächst ein Bericht über Gewalt gegen Frauen und Sexismus in GTA V. Es ist ein Auszug aus einer insgesamt durchaus positiven Spielbesprechung durch Carolyn Petit auf der Internetseite GameSpot. „GTA V hat wenig Platz für Frauen, abgesehen von Stripperinnen, Prostituierten, ewig-leidenden Ehefrauen, humorlosen Freundinnen und albernen new-age Feministinnen, über die wir lachen sollen.

Die Charaktere spucken pausenlos Sätze aus die männliche Sexualität verherrlichen, während sie Frauen abwerten. Die Werbetafeln und Radiostationen verstärken diese Frauenfeindlichkeit mit Anzeigen, die Männlichkeit mit eleganten Sportautos gleichsetzen, und die den Frauen ein Parfum empfehlen, mit dem sie riechen wie eine Schlampe.

Natürlich: das sind Übertreibungen von Frauenfeindlichkeit die in unserer Gesellschaft tatsächlich existiert, aber es ist keine Satire. Es gibt nichts in der Handlung, was unterstreichen würde, wie irrsinnig und wie falsch das ist. Alles was das Spiele verstärkt und verherrlicht ist Sexismus.
Wie schön es ist, im sonnenbeschienenen Los Santos herumzufahren und dabei Steve Windword mit “Higher Love” zu hören, das vergeht einem wirklich schnell, wenn aus dem Autoradio eine Stimme kommt, die darüber spricht, wie man Frauen als Urinal benutzt.”[16]

In beiden Spielen gibt es wieder die Möglichkeit Prostituierte zu töten und dabei das bezahlte Geld zurückzuerhalten. Man sieht die Minus- Plus-Bewegungen jeweils rechts oben auf dem Bildschirm. Jetzt sind die Aktivitäten der Figuren im Auto sichtbar. Dabei bleiben die Personen bekleidet, die Prostituierte allerdings spärlich. Die Dialoge sind stereotyp. In YouTube findet man diverse Varianten der Geld-Zurück Tötungsoption: Das Opfer wird erschlagen, erschossen, ihm wird die Kehle durchgeschnitten, es wird mit dem Auto überfahren, es wird mit einer Stun-Gun gelähmt und dann verbrannt. Beim Betrachten der Videos sollte man sich klar machen, dass der jeweilige Spieler von Anfang wusste, was er tun würde. Es fiel ihm nicht etwa spontan ein, dass er die Frau ermorden und sich das Geld zurückholen könnte.[17]

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  1. Prostituierte steigt ins Auto
  2. Sex im Auto
  3. Auswahl der Tötungswaffe
  4. Mord mit Messer
  5. Einsammeln der Geldbündel
  6. Verbrennen der Leiche

Wie Carolyn Petit in ihrer Spielbesprechung sagt: Gewalt gegen Frauen ist durch nichts als Satire zu erkennen, und dies trifft in ganz besonderem Maße auf die dargestellten Aktionen mit Prostituierten zu. Sie sind nichts weiter als frauenverachtend (das sowieso), brutal, hinterhältig und zynisch.

Schlussbemerkung

Vor einiger Zeit war ich zusammen mit zwei Medienwissenschaftlern zu einer Radiodiskussion über ein Spiel eingeladen, das ebenfalls von Rockstar Games entwickelt wurde, Red-Dead-Redemption. Es ist die Wild-West-Variante von GTA; statt Autos und Großstädten gibt es Pferde und Prärien.
Das erste, was mir Spieler über Red-Dead-Redemption berichtet hatten, war, dass man hier eine Frau auf die Gleise der Westernbahn legen und überfahren lassen kann. Es kann eine Nonne sein, ist aber häufig auch eine Prostituierte, die aus einem Saloon entführt wird. Während der Diskussion sagte einer der Wissenschaftler zu mir: „Was wollen Sie denn? So etwas hat es doch im Wilden Westen tatsächlich gegeben.“ Meine Antwort: „Machen wir jetzt ein Spiel über Auschwitz und Gaskammern und sagen dann: ‘Das hat es tatsächlich gegeben‘?“
Was für eine Verwirrung! Vielleicht sagen solche Wissenschaftler auch: “Was wollt ihr denn? Gewalt gegen Prostituierte gibt es ja auch im wirklichen Leben!“

Medienwissenschaftler, die Spielegewalt schönreden gibt es zu Hauf. Ihr Einfluss ist riesig. Jüngste Beispiele: eine Sonderausgabe der GEW Zeitschrift Erziehung und Wissenschaft, die sich kurz vor Weihnachten mit viel JEIN und ABER um klare Worte zu GTA V herummogelt und überwiegend Positives über Videospiele zu sagen hat, die auch die eindeutigen Befunde internationaler Forschung, auch die des KFN, über die Leistungskrise der Jungen und deren Mitbedingtheit durch Medienkonsum infrage stellt. Und noch dümmlicher und oberflächlicher: der Spiegeltitel 03/2014 „Spielen macht klug“.

reginepfeifferSchönrednern in derartigen Publikationen und in Radio und Fernsehen ist es zu verdanken, dass der Umgang mit Prostituierten in GTA V keine öffentliche Empörung provoziert hat. Bis jetzt nicht.
Aber das kann sich ändern. Die Aufklärung, die Alice Schwarzer und EMMA hier geleistet haben, hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Prostituierten gelenkt.

(Bilder: Regine Pfeiffer)

 

Fußnoten:

[1]Liste erfolgreichster Bücher: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_erfolgreicher_B%C3%BCcher_nach_verkauften_Exemplaren

[2] Die Dialoge im Spiel sind natürlich vorgegeben. Ob diese komplizierte Kommunikationsstruktur bereits wissenschaftlich untersucht ist, weiß ich nicht. Interessant wäre es auf jeden Fall, herauszufinden, wie es sich auf den Spieler auswirkt, dass er lediglich die Bewegungen und Aktionen seiner Figur steuert, nicht aber das, was sie sagt. Wird er Beschimpfungen und Drohungen nicht als persönliche Botschaften verinnerlichen?

[3] http://ap.ign.com/en/feature/9377/100-little-things-in-gta-5-that-will-blow-your-mind

[4] http://comm359f13.wordpress.com/2013/09/30/satire-in-gta-v/ Übersetzung von mir.

[5] http://www.washingtonpost.com/blogs/post-politics/wp/2012/12/21/nras-wayne-lapierre-put-armed-police-officers-in-every-school/

[6] https://www.youtube.com/results?search_query=Ammu-Nation+Ad

[7] GTA Wiki über Ammu-Nation

[8] Sensationen der GTA Serie … Spieletipps Seite …..

[9]https://www.youtube.com/watch?v=p1k137T0hh4

[10] In der Buchfassung: Querverweis

[11] Es lohnt sich, im Internet die Diskussion über diese Szene zu verfolgen. Sie ist durchaus kontrovers. Es gibt ca. 50 tausend deutsche Einträge darüber und 78 tausend englische. Suchbegriffe: GTA V Folterszene/ GTA V Torture Scene

[12] “It has so many demeaning messages about women and so encourages violent imaginations and activities and it scares parents. … They are playing a game that encourages them to have sex with prostitutes and then murder them. You know, that’s kind of hard to digest.”8.3.2005. Rede vor der Kaiser Family Foundation. http://www.1up.com/do/newsStory?cId=3148077

[13] http://www.1up.com/do/newsStory?cId=3148077

[14] Seit 2008 beziehe ich einen Teil meiner Kenntnisse über Computerspiele durch den Besuch von so genannten Monetarisierungs-konferenzen, auf denen die Spiele-Industrie den Verkauf virtueller Güter berät. Von einer solchen habe ich diese Information.

[15] http://www.mediengewalt.eu/blog/

[16] http://www.gamespot.com/reviews/grand-theft-auto-v-review/1900-6414475/ Übersetzung von RP

[17] Man findet in YouTube auch Varianten, in denen die Spieler auf Betrug und Mord verzichten und die Frau einfach aussteigen lassen, ehe sie davon fahren.

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