„OMEGA Origins“ – die Henne oder das Ei im „Stop-Motion Sci-Fi“

Das Stop-Motion Verfahren gehört zu den ältesten Tricktechniken im Film. In Einzelschritten werden Animationen mit Puppen oder Modellen durchgeführt und abfotografiert. In der Gesamtschau ergeben diese ablaufenden Bilder den Eindruck von Bewegung, die dann mit Handlungszusammenhängen und Toneffekten in einen Erzählungskontext eingebettet werden. Dieses Verfahren wurden ebenso bei klassischen Produktionen aus der Anfangszeit des Films eingesetzt wie auch in vielen bekannten moderneren Produktionen wie „Das Imperium schlägt zurück“, „Terminator“ oder auch „Shaun das Schaf“. Bis heute können Stop-Motion-Filme auf eine ganz eigene Art verzaubern, wie das nachfolgende Beispiel zeigt.

(SP)

 

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Im Vorbeigehen, irgendwo in der Nähe des Lastenaufzugs in der Kunsthochschule in Karlsruhe, fragte Andy mich, ob ich Lust hätte, zusammen einen Animationsfilm zu machen. Das Jahr davor war er nach Amsterdam für einen Open-Source-Filmprojekt mit der Blender Foundation verschwunden. Und dann, als ich ihn fast ein Jahr später auf dem Flur neben dem Aufzug traf, war ich überrascht. Aber ich sagte: „Ja, sicher, lass uns das machen.“

 

Ich wurde gebeten, ein paar Zeilen über meine Kreatur, den Animationsfilm „OMEGA“, zu schreiben. Genauer wurde ich gebeten, über das Wie und Warum zu schreiben, das Konzept, das Wachsen der Idee, den Anfang von Allem. Viele Faktoren führten den beschriebenen Initialmoment herbei, bereiteten ihn vor. Gleichzeitig wäre es vielleicht unter anderen Umständen auch gar kein Initialmoment gewesen, denn auch andere Male plante und malte ich Vorhaben aus, mit anderen talentierten Menschen, im Vorbeigehen. Doch das war gleichzeitig das Ende der Sache. Um einen Beginn verzeichnen zu können, muss man eben auch weiter machen. Mit einem Projektpartner wie Andy Goralczyk, der von Beginn an Begeisterung und Motivation mitbrachte, war es einfach weiterzumachen – ein Luxus, der leider nicht immer, auch nicht bei Herzensprojekten, gegeben ist.

Ohne Titel 3Unser 19-minütiger Kurzfilm wurde 2014 im Internet veröffentlicht, nachdem er international auf Festivals zu sehen war. Das Projekt begann aber bereits im Herbst 2008 und wurde im Frühjahr 2012 fertig gestellt. Obwohl ich mich bereits zuvor in anderen Filmprojekten involviert und einige erste Erfahrungen in Richtung Animationsfilm gesammelt hatte, fiel OMEGA durchaus unter die Kategorie ‚Erstlingswerk‘- das traf auch für meinen Koregisseur Andy Goralczyk zu. Als Erstlingswerk handelt es sich also um einen ganz besonderen Film für uns, die Macher, aber auch weil Animationsfilm viel Zeit beansprucht: intensive Zeit der Zusammenarbeit, des Lernens und des Wachsens.

Andy und ich teilten von Anfang an die Leidenschaft für epischen Science-Fiction-Film, aber genauso für Animationsfilm. Sehr früh stand fest, dass wir einen Stopmotion-Film machen wollten und ein Sci-Fi-Thema aufgreifen wollten. Wir hatten einfach Lust darauf. Mich persönlich reizte es bei diesem Projekt ungemein, Elemente aus verschiedenen Genres zu verschmelzen, die ich nicht oft in anderen Filmen gesehen hatte. Als Stopmotion-Film-Kenner war es mir besonders wichtig trotz des Miniatur-Maßstabs einer künstlichen Welt, Natur, Weite und Atmosphäre zu erzählen.

Damals war ich ebenfalls besonders inspiriert von japanischen Sci-Fi-Animés, deren philosophischen Tiefe und Darstellung des menschlichen Strebens nach Transzendenz. In japanischen Animationsfilmen sind Themen über die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, die menschliche Psychologie und Vorstellungen der Wirklichkeit häufig tiefer entwickelt als in anderen Genren. Diese Filme fundieren auf einer kompromisslosen Unsicherheit, die die Idee der menschlichen „Seele“ umkreist, wie sie in westlichen Filmen nur selten zu spüren ist. Für mich war es sehr spannend, unseren Film von diesen „Easterns“ beeinflussen zu lassen.

Ohne Titel 4Es erstaunt mich immer wieder, dass unsere Sehgewohnheiten, Vorstellungsräume und Filmproduktionen nach wie vor sehr harte kulturelle Grenzen aufzeigen, obwohl unsere Welt seit geraumer Zeit global vernetzt ist. Auch bei der Auswertung des Films wurde dies besonders deutlich: Besonders in Deutschland gab es wenig Resonanz seitens herkömmlicher Institutionen; in Gesprächen zeigte sich ein Analphabetismus des filmischen Codes in „OMEGA“, während Spanien und Italien beispielsweise sehr schnell auf den Film ‚abfuhren‘.

Natürlich gibt es in Europa eine lange Tradition des kunstvollen und hochintelligenten Animationsfilms. Aber für uns war es spannend, Elemente japanischer Animé- und Science-Fiction-Klassiker einfließen zu lassen und darüber eine neue Welt zu gestalten. Hinzu kam auch der Naturdokumentarfilm, der uns maßgeblich beeinflusste, und der damals in den Jahren zuvor eine besondere Aufmerksamkeit erfahren hatte. Unter Anderem entdeckte ich außerdem eine gewisse Ähnlichkeit von Naturdokumentarfilmen und epischen Sci-Fi- oder Fantasy-Filmen, oder zumindest strukturelle Harmonien, die zusammen zu gehören schienen.

Neben dem ersten Brainstorming und der Konzeptionalisierung der ‚Gestalt‘ von OMEGA, begannen wir so mithilfe von Filmbeispielen, Texten und Gesprächen etc. die Geschichte und den Look des Films weiter zu entwickeln. Andy begann Konzeptskizzen zu zeichnen und ich schrieb an der Geschichte. Das Geschriebene und die Zeichnungen beeinflussten sich hierbei gegenseitig während der gesamten fortlaufenden Ausarbeitung.

Ein anderer wichtiger Kernaspekt von OMEGA ist der Weg, seine Geschichte zu erzählen. Andy und ich haben eventuell einfach zu viele Filme in unserem bisherigen Dasein gesehen. Wir sind inzwischen schnell gelangweilt. Wenn Sie anfangen, die Geschichte jedes Films vorauszusagen, den Sie sich anschauen, fangen Sie an, sich Sorgen zu machen. Wir wollten einen Film machen, der auch noch für uns Filmjunkies funktionieren würde aber auch die Geschichte in einer Art und Weise erzählen, wie das Leben eben manchmal seine Geschichten erzählt.

Lebensereignisse lassen sich oft nur im Rückblick als solche definieren und nur selten können diese in ihrer Auswirkung auf die Zukunft entschlüsselt werden. Ich wollte dem Film diese Unsicherheit der Gegenwart nicht rauben, sondern die tragenden Momente ohne Zukunftsabsicht oder Zielstruktur, und aus der Sicht eines entrückten Zeugen, erzählen. Ein Regisseur sein, der nicht weiß was passieren wird, sozusagen – vielleicht ein anmaßendes Experiment, aber dennoch eines, das gewagt werden musste.

Natürlich lässt diese Art des Films einige Leute verwirrt im Kinostuhl zurück, andere wiederum dankbar. Allerdings lässt tatsächlich jeder Film jemanden hinter sich. Einen Film für alle gibt es nicht. Auch handelt es sich hierbei nicht nur um eine exzentrisch-künstlerische Herangehensweise eine Geschichte zu erzählen, sondern vielmehr um eine gefühlte Notwendigkeit, bzw. auch um die ergriffene Möglichkeit, verantwortungsvoll zu erzählen. Dieses Konzept war für mich zu dieser Zeit der einzig richtige Weg nach Vorne, um sich dieser Herausforderung zu stellen.

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Denken Sie daran: Medien prägen unser Leben und unsere Erwartungen an das Leben mit einer verblüffenden Intensität. Medien sind Verstärker unserer kulturellen und gesellschaftlichen Märchen, unseres kulturellen Codes, unserer Vorstellungsräume und Wirklichkeitsfantasien. Medien werden natürlich ebenfalls ohne Unterlass bewusst dafür genutzt, um auch wirtschaftliche, politische und wert-orientierte Strukturen zu ebnen, verstärken, in das gesellschaftliche Gewebe einzuflechten bzw. das Gewebe selbst mit zu flechten. Dies geschieht aber nicht nur über Inhalte, sondern auch über Form. Leider werden viel zu oft Formate blind reproduziert, die dubiose Interessen oder unreflektierte Behauptungsmuster verkörpern. Sehgewohnheiten sind anerzogen und gelernt, und auch wenn sie praktischen Nutzen haben mögen, ist es immer wieder notwendig, Gewohnheiten herauszufordern und in einer sich stetig verändernden Welt, den Blick für Neues zu öffnen. Ich denke, diese Überlegungen sind zumindest einer Berücksichtigung wert, bevor Sie eine Kamera in die Hand nehmen.

An dieser Stelle will ich noch einmal darauf zurück führen, dass OMEGA eine besondere Erfahrung für alle Beteiligte bereit hielt. Während der Entstehung des Films, als auch später während der Festivals, eröffnete die Arbeit am Film wunderbare Möglichkeiten andere Filmemacher und Künstler kennen zu lernen. Das schließt natürlich die außerordentliche Zusammenarbeit des Teams hinter OMEGA mit ein, beginnend mit Doga Cigsar, Setdesignerin unter anderem auch bei Fatih Akin Produktionen, und Medienkünstlerin Ursula Schachenhofer für Setbau, bis hin zu ‚Schwertalent‘ Lorenz Schwarz für Sound Design und Musik. Auch für OMEGA gilt, das Ergebnis ist mehr als die Summe seiner Teile. „OMEGA“ ist schlussendlich auch ein Stück weit aus allen heraus und mit allen mit gewachsen.

(Eva Franz)

 

Weitere Informationen über den Film finden Sie  unter www.omegastopmotion.com.

 

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