شب يلدا („Shab-e Yalda“) – Weihnachten in Teheran?

Wenn auf der Nordhalbkugel der Erde die Tage kürzer und die Nächte länger werden, ist dies seit vielen Jahrtausenden für die Menschen eine besondere Zeit. Die alten Germanen feierten die Wintersonnenwende als Wendepunkt, ab dem die Tage wieder länger werden würden und die Not der harten Winter absehbar vorüber wäre. Später haben christliche Riten die heidnischen Feuer- und Lichtrituale überstülpt und sich des Zeitraums bemächtigt, der heute als Weihnachtszeit bekannt ist. Der Zoroastrismus des alten Persien kannte als Entsprechung die Yalda-Nacht, die noch heute als Familienfest gefeiert wird, wo man sich trifft und gemeinsam speist. Im öffentlichen Raum und dem Straßenbild der Islamischen Republik Iran mischen sich dann Weihnachtsbäume, Nikoläuse und iranisch-zoroastrischer Tischschmuck. Dort wie auch im Westen besinnt man sich für einen Moment auf traditionelle Werte und die Familie, bevor wenige Tage später die Hektik des Alltags wieder über alle hineinbricht. Azadeh Niyazadeh M.A. berichtet von Yalda im Iran.

Jedes Jahr am 21 Dezember (30 Azar. 30 آذر) wird im Iran die Yalda-Nacht (شب یلدا) zelebriert. Die Yalda-Nacht oder auch Schab-e Tschelle(h) (شب چله) ist ein altes persisches Fest, welches in der längsten Nacht des Jahres stattfindet. Da in der zoroastrischen Tradition die Menschen glaubten, dass die dunklen Mächte in der längsten und dunkelsten Nacht des Jahres besonders stark seien, sammelten sich in dieser Nacht die Freunde und die Verwandten, um sich vor diesen zu schützen. Aber im Laufe der Zeit wurde diese Nacht zu einem Familienfest.

Heutzutage feiern Familienmitglieder und Freunde die längste Nacht des Jahres gemeinsam. Sie treffen sich in den Häusern der Ältesten, unterhalten sich und hören die Heldengeschichten aus „Schāhnāme“ (شاهنامه) , einem berühmtesten Werk des persischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī (ابوالقاسم فردوسی). Dieses Buch gilt als eines der berühmtesten Werke der persischen und der Weltliteratur. In dieser Nacht erzählen die Opas die wunderbaren Sagen von Schāhnāme wie Rostam und Sohrab. Die Sagen von Firdausī sind heute genauso wie früher sehr beliebt unter Iranern.

Ein anderes beliebtes Buch für Yalda ist „Divan“ von Hafis. Das ist ein Gedichtband, der sehr gerne in dieser Nacht gelesen wird. Deutsche Leser finden es vielleicht interessant, dass seine Gedichte zum ersten Mal von Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall (1774-1856) in die deutsche Sprache übersetzt wurden – von diesem geprägt hat später Johann Wolfgang von Goethe seinen „West-östlichen Divan“ geschrieben.

(Bild: Maral Kiumehr)

Yalda ist ein Fest des gemeinsamen Schlemmens, aber man nimmt dabei nicht unbedingt zu, denn meistens werden gesunde Sachen aufgetischt: Zur Yalda-Nacht werden Melonen, Granatäpfel, Pistazien, Feigen, Rosinen und viele andere Nüsse gegessen. Eine andere Delikatesse ist persisches Nudeleis (oder Faloodeh). Es ist ein gefrorenes Sorbet aus dünnen Reisnudeln, Rosenwasser, Limetten und iranischem Kirschsirup. Es schmeckt wunderbar.

(Bild: Maral Kiumehr)

Früher erlebten die Familien traditionell diese Nacht an einem niedrigen, viereckigen Tisch namens Korssi. Unter dem Korssi befindet sich dann eine Schale mit heißen Kohlen, an denen man sich die Füße wärmen kann. Für den Rest des Körpers liegen dicke Decken und Kissen bereit. Ich hab schon selbst diese Erfahrung gemacht. Als meine Oma noch lebte, hatten wir wunderbare Yalda-Nächte am Korssi mit Faloodeh. Aber heute kann man sehr selten traditionelle Korssi in den Häusern finden; vor allem noch in den kleinen Städten.

Die Botschaft der Yalda-Nacht ist das Zusammenbringen der Menschen. Die Yalda-Nacht ist die beste Zeit, um einfach ein paar schöne Stunden mit der Familie und mit den Freunden zu verbringen. Denn man darf nicht vergessen: Das Leben ist kürzer als man denkt…

Azadeh Niyazadeh ist Literaturwissenschaftlerin und hat 2017 an der Universität Teheran ihre Master-Arbeit über „Das Phantastische in den Büchern von Michael Ende“ geschrieben.

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